Kopenhagen gilt als lebenswerteste Stadt dieses Planeten (Quelle: Economist Intelligence Unit, 2025). Doch wie ist man dahin gekommen? Helle Soholt von Gehl, der weltweit führenden Beratungsfirma für Stadtentwicklung, hat in der Wirtschaftswoche (Nr. 40 vom 26.09.2025) das Geheimnis gelüftet: Ausrichtung an den Bedürfnissen der Menschen!
In allen Projekten beobachtet man das Verhalten von Menschen auf Straßen und Plätzen, zählt sie, erforscht in Interviews, warum sie sich auf eine bestimmte Art verhalten – bleiben sie vor Schaufenstern stehen, wie lange sitzen sie auf einer Parkbank, beobachten sie andere – und läuft als Selbsttest durch die Stadt.
Daraus entstehen Ideen für die Stadtentwicklung, die getestet werden. Straßen werden beispielsweise für eine bestimmte Zeit abgesperrt und untersucht, wie sich dies auf die Stimmung der Bevölkerung auswirkt und auf die Umweltbelastung. Nicht alle Neuerungen kommen auf einmal. Man geht iterativ, also Stück für Stück, vor. Veränderungen basieren somit auf Fakten und nicht auf Annahmen.
Was Soholt darstellt, ist Design Thinking.
Innovation geschieht selten zufällig – sie lässt sich oft bewusst gestalten. Eine der bekanntesten und erfolgreichsten Methoden hierfür ist Design Thinking. Ursprünglich aus der Produktentwicklung kommend, hat sich Design Thinking zu einem universellen Ansatz entwickelt, mit dem Organisationen komplexe Probleme kreativ und systematisch lösen können.
Im Folgenden werfen wir einen Blick auf den typischen Prozess mit seinen sechs Schritten und beleuchten anhand eines Praxisbeispiels, wie Design Thinking zur systematischen Innovationsentwicklung beiträgt.
Die 6 Schritte des Design Thinking
1. Verstehen
Am Anfang steht das Verstehen des Problems. Statt vorschnell in Lösungen zu denken, analysiert das Team zunächst in Interviews die Herausforderung, versucht die Bedürfnisse und Wünsche der Zielgruppen, die von der Innovation betroffen sind, herauszufinden und formuliert erste Leitfragen. Ziel ist ein gemeinsames Problemverständnis.
2. Beobachten
Design Thinking ist radikal nutzerzentriert. In dieser Phase werden die Bedürfnisse, Erfahrungen und Herausforderungen der Zielgruppe weiter erforscht – z. B. durch Shadowing, Selbstaufschreibung oder Beobachtungen im Alltag. Dadurch wird ein tieferes Verständnis für die tatsächlichen Probleme geschaffen.
3. Synthese
Die gewonnenen Erkenntnisse werden gebündelt, geordnet und interpretiert. Häufig entstehen hier Personas, Customer Journeys oder „Point of View“-Aussagen, die die Nutzerbedürfnisse klar formulieren. So wird der Problemraum geschärft und greifbar gemacht.
4. Ideenentwicklung
Nun beginnt die kreative Phase. In Brainstormings und Ideation-Workshops werden möglichst viele Lösungsansätze generiert. Der Fokus liegt auf Quantität, Offenheit und Vielfalt – erst später werden die Ideen priorisiert und bewertet.
5. Prototyping
Ideen bleiben nicht theoretisch, sondern werden schnell sichtbar und greifbar gemacht: in Form von Modellen, die aus einfachen Materialien, wie Pappe oder Lego hergestellt werden, Storyboards, Wireframes oder Rollenspielen. Prototypen helfen, Annahmen zu testen und ein schnelles Feedback einzuholen: Was gefällt den Menschen aus der Zielgruppe, was nicht, woran haben wir nicht gedacht, was kann verfeinert werden, was muss verworfen werden oder denken wir vielleicht in eine komplett „falsche“ Richtung? Das sind Fragen, die mit dem Prototypen geklärt werden sollen.
6. Testen
Die Prototypen werden mit echten Nutzern erprobt. Feedback zeigt, ob eine Lösung funktioniert, wo sie verbessert werden kann und ob sie tatsächlich ein Bedürfnis adressiert. Die Erkenntnisse fließen in neue Iterationen ein – der Prozess ist bewusst zyklisch und lernorientiert. Der zentrale Gedanke dabei: Schnell Feedback einholen, bevor man sich in eine bestimmte Lösung „verliebt“. Man spricht auch von der Kill-my-darling-attitude.
Praxisbeispiel: Design Thinking bei der Deutschen Bahn
Ein anschauliches Beispiel für den Einsatz von Design Thinking bietet auch die Deutsche Bahn. Das Unternehmen stand vor der Herausforderung, die Kundenerfahrung an Bahnhöfen zu verbessern – insbesondere für Gelegenheitsreisende, die sich oft unsicher fühlen.
Verstehen & Beobachten: Das Projektteam führte Interviews mit Reisenden und begleitete sie auf ihrem Weg durch den Bahnhof. Dabei zeigte sich, dass viele Menschen Schwierigkeiten hatten, sich zurechtzufinden, und sich gestresst fühlten.
Synthese: Die Kernbedürfnisse wurden klar: einfache Orientierung, schnelle Informationen und weniger Stressmomente.
Ideenentwicklung: In interdisziplinären Workshops entstanden viele Ansätze, vom digitalen Info-Assistenten bis zu intuitiveren Leitsystemen.
Prototyping & Testen: Erste Prototypen – etwa neue Beschilderungen und digitale Wegweiser auf dem Smartphone – wurden direkt im Bahnhof getestet. Nutzerfeedback half, die Lösungen schnell weiterzuentwickeln.
Das Ergebnis: ein verbessertes Leitsystem sowie digitale Services, die Reisenden den Aufenthalt erleichtern. Der Prozess führte nicht nur zu konkreten Innovationen, sondern auch zu einem Kulturwandel innerhalb der Bahn: Kundenzentrierung und iterative Entwicklung wurden stärker in den Arbeitsalltag integriert.
Design Thinking als Motor systematischer Innovation
Viele Organisationen wünschen sich Innovation, setzen aber oft auf unsystematische Einzelinitiativen. Design Thinking bietet hier Struktur und Wirkung:
- Nutzerzentrierung statt Technikfokus: Durch die konsequente Orientierung an den Bedürfnissen der Zielgruppe entstehen Lösungen mit höherer Akzeptanz und Marktrelevanz.
- Strukturierter Kreativprozess: Die sechs Phasen geben einen klaren Rahmen, in dem Teams kreativ arbeiten können, ohne ins Chaos abzudriften.
- Iteratives Vorgehen: Statt eines großen Wurfs ermöglicht Design Thinking schnelles Lernen und flexible Anpassung – ein entscheidender Vorteil in dynamischen Märkten.
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Teams setzen sich aus verschiedenen Fachrichtungen zusammen. Das erhöht die Vielfalt der Perspektiven und beugt Silodenken vor.
- Kulturwandel fördern: Design Thinking etabliert eine Haltung des Experimentierens, der Offenheit und der aktiven Zusammenarbeit – eine Basis für langfristige Innovationsfähigkeit.
Fazit
Design Thinking ist weit mehr als eine Kreativitätstechnik – es ist ein systematischer Ansatz zur Innovationsentwicklung. Durch die Kombination aus Nutzerfokus, klarer Prozessstruktur und iterativem Lernen unterstützt die Methode Organisationen dabei, neue Produkte, Services und Geschäftsmodelle zu entwickeln, die wirklich relevant sind.
Das Beispiel von Kopenhagen zeigt: Mit Design Thinking lassen sich nicht nur innovative Lösungen entwickeln, sondern auch Organisationen oder gar ganze Städte selbst verändern – hin zu mehr Bürger- und Kundenorientierung, Experimentierfreude und Innovationskraft.
Unsere Erfahrung – Dein Vorteil.
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Gelungener Kopenhagener Ansatz – und ein grossartiger Artikel!
Der strukturierte Kreativprozess ist das Rückgrat der Design Thinking Methode – seine Wirksamkeit hängt stark davon ab, wie diszipliniert und offen Teams ihn anwenden: Wie oft wurde Mut von Hierarchien „eingebremst“ und gute Ansätze viel zu früh ausgesondert.
Bitte mehr Design Thinker in der Stadtplanung – gerade wenn es um Begrünung und Wasser als Aktivposten im Städtebau geht: Paris und Leipzig – zwei lebende Beispiele für klimaresiliente und erträgliche Städte. Ein smarter Design Thinking Ansatz auch für die Hafencity Hamburg. Ahoi 🙂
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Vielen Dank, Bernd!
Ich mache selbst sehr positive Erfahrungen mit Design Thinking bei Themen der Organisationsentwicklung. Allein einmal gründlich zu schauen, was die einzelnen Stakeholder an Bedürfnissen haben, bringt schon ein ganz anderes Verständnis für das, was anders werden soll.
Letztes Jahr durfte ich die Re-Orga eines Sozialamtes begleiten und es war spannend zu sehen, was Mitarbeitenden, Führungskräften und Bürger:innen wirklich wichtig ist, wo es Schnittmengen gibt und wo unüberbrückbare Unterschiede in den Anforderungen an ein modernes Sozialamt.
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