Mut als Kardinaltugend: Warum Unternehmen ihn heute mehr denn je brauchen

In der Welt der Kardinaltugenden – also der Tugenden, die für ein gelungenes, verantwortungsvolles Leben grundlegend sind – nimmt der Mut eine besondere Stellung ein. Mut ist nicht nur der Antrieb zu handeln, sondern oft auch die notwendige Grundlage für die anderen Tugenden: Weisheit, Gerechtigkeit und Maß. Diese vier Kardinaltugenden, ursprünglich in der Philosophie des antiken Griechenland von Platon beschrieben und später von der christlichen Ethik übernommen, sind zeitlos. Ihre Bedeutung hat auch in der modernen Arbeitswelt und in Unternehmen nichts an Relevanz verloren. Im Gegenteil: Gerade in einem sich ständig verändernden Umfeld ist Mut der Motor für Fortschritt und Innovation.

Um die Rolle des Muts in Unternehmen zu verstehen, kann uns Platons berühmtes Höhlengleichnis helfen. Das Gleichnis beschreibt den Mut, den Menschen aufbringen müssen, um aus der Dunkelheit der Höhle in das Licht der Erkenntnis zu treten – ein treffendes Bild für die Herausforderungen, denen Mitarbeitende und Führungskräfte heute begegnen.

Das Höhlengleichnis: Mut, die Realität zu erkennen

In Platons Höhlengleichnis leben Menschen in einer Höhle, gefesselt und mit dem Rücken zum Ausgang, sodass sie nur Schatten an der Wand sehen können. Diese Schatten halten sie für die Realität, bis eines Tages einer von ihnen sich löst und den Mut findet, die Höhle zu verlassen. Das blendende Licht erschreckt ihn zunächst, doch er erkennt schließlich die wahre Realität. Zurück in der Höhle trifft er auf Skepsis und Widerstand, da die anderen das Gehörte nicht glauben wollen.

Übertragen auf die heutige Arbeitswelt, repräsentiert die Höhle das Festhalten an alten Strukturen, Gewohnheiten und Denkmustern. Mut bedeutet, sich aus der „Höhle“ zu wagen – eingefahrene Muster zu hinterfragen, neue Perspektiven zuzulassen und Innovationen zu fördern, selbst wenn dies unbequem ist oder zunächst Widerstände hervorruft. Führungskräfte und Mitarbeitende brauchen Mut, um über den Tellerrand zu schauen und neue Wege zu gehen, auch wenn dies zunächst auf Unverständnis stoßen mag.

Die vier Kardinaltugenden: Ein Zusammenspiel für den Erfolg

Damit die Unternehmenskultur diesen „Weg aus der Höhle“ unterstützt, ist ein Gleichgewicht der Kardinaltugenden wichtig. Mut alleine reicht nicht; er muss in Einklang mit Weisheit, Gerechtigkeit und Maß praktiziert werden.

  1. Mut (Fortitudo): Mut ist die Tugend, die uns dazu befähigt, Herausforderungen und Unsicherheiten zu überwinden. In Unternehmen bedeutet dies, mutige Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie Risiken beinhalten. Mut ist aber auch notwendig, um die Stimme zu erheben, wenn Missstände bestehen, und Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es unbequem ist. Führungskräfte zeigen Mut, wenn sie den Status quo hinterfragen und Mitarbeiter dazu ermutigen, Ideen zu teilen, ohne Angst vor Ablehnung.
  2. Weisheit (Prudentia): Weisheit ist die Fähigkeit, kluge und reflektierte Entscheidungen zu treffen. Sie gibt dem Mut eine Richtung und schützt davor, unbedacht Risiken einzugehen. In Unternehmen bedeutet Weisheit, zu erkennen, wann ein mutiger Schritt notwendig ist, aber auch, wann es besser ist, abzuwarten oder weitere Informationen einzuholen. Weiser Mut sorgt dafür, dass Unternehmen auf gut durchdachte Weise in neue Märkte expandieren oder neue Technologien einführen.
  3. Gerechtigkeit (Iustitia): Gerechtigkeit sorgt dafür, dass Mut nicht zu einem egoistischen Unterfangen wird. In einem Unternehmen bedeutet Gerechtigkeit, alle Stimmen und Interessen zu berücksichtigen und Entscheidungen zu treffen, die dem Wohl aller dienen. Mut und Gerechtigkeit zusammen schaffen eine Unternehmenskultur, in der Mitarbeitende darauf vertrauen können, dass Risiken fair abgewogen und die Bedürfnisse des Teams berücksichtigt werden.
  4. Maß (Temperantia): Maßhalten bedeutet, den Mut in einem vernünftigen Rahmen einzusetzen und sich nicht von Übermut oder Angst leiten zu lassen. Maß schützt vor extremen Entscheidungen und bewahrt die Balance zwischen Vorwärtsstreben und Stabilität. In Unternehmen hilft Maß dabei, mutige Schritte schrittweise und nachhaltig zu vollziehen, sodass das gesamte Unternehmen den Wandel mittragen kann.

Mut in Unternehmen: Warum er so wichtig ist

Ein Unternehmen ohne Mut bleibt in der „Höhle“ stecken – es verharrt in eingefahrenen Strukturen, riskiert keine Neuerungen und wird daher früher oder später von der Konkurrenz überholt. Doch Mut in einem Unternehmen bedeutet nicht nur, revolutionäre Technologien oder Geschäftsmodelle zu entwickeln. Mut kann sich auch im Arbeitsalltag zeigen: wenn Mitarbeitende sich trauen, Verbesserungsvorschläge zu machen, Missstände anzusprechen oder auch einfach neue, effektivere Arbeitsmethoden vorzuschlagen.

Mutige Führungskräfte und Teams lassen sich nicht durch Unsicherheiten lähmen. Sie erkennen, dass Erfolg nur durch das Eingehen von kalkulierten Risiken möglich ist und dass Rückschläge Teil des Fortschritts sind. Ein mutiger Mitarbeitender, der Ideen offen äußern kann, trägt zur Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens bei. Ein mutiges Unternehmen zeichnet sich durch eine Kultur aus, die Eigenverantwortung fördert, Diversität zulässt und offen für Kritik ist.

Der Weg aus der Höhle: Wie Unternehmen Mut kultivieren können

Um Mitarbeitenden den „Weg aus der Höhle“ zu ermöglichen und Mut zu fördern, sind mehrere Maßnahmen sinnvoll:

  1. Fehlerfreundliche Kultur etablieren: Unternehmen sollten eine Atmosphäre schaffen, in der Fehler als Lernchancen verstanden werden. Diese Fehlerfreundlichkeit ermöglicht es Mitarbeitenden, Neues auszuprobieren, ohne Angst vor negativen Konsequenzen zu haben.
  2. Offene Kommunikation fördern: Eine transparente Kommunikationskultur, in der alle Meinungen und Ideen Gehör finden, stärkt den Mut, sich einzubringen. Führungskräfte können hier als Vorbilder fungieren, indem sie Offenheit fördern und selbst authentisch kommunizieren.
  3. Entwicklung fördern: Weiterbildungsangebote und regelmäßiges Feedback stärken das Selbstvertrauen der Mitarbeitenden, was wiederum ihren Mut fördert. Wer über das notwendige Wissen und die Kompetenz verfügt, wird mutiger sein, neue Wege zu beschreiten.
  4. Gerechte Entscheidungsfindung sicherstellen: Entscheidungen sollten gerecht und transparent getroffen werden, sodass Mitarbeitende Vertrauen in die Führung und die Unternehmensausrichtung haben. Dies stärkt die Motivation, mutig und engagiert mitzuwirken.

Zusammenfassung: Mut als Grundlage für nachhaltigen Erfolg

Mut ist die treibende Kraft, die uns aus der „Höhle“ des Alten und Gewohnten führt. Doch nur im Zusammenspiel mit den anderen Kardinaltugenden entfaltet Mut seine positive Wirkung: Er braucht die Weisheit für kluge Entscheidungen, die Gerechtigkeit, um das Wohl aller im Blick zu behalten, und das Maß, um nicht in Extremverhalten zu verfallen.

Unternehmen, die Mut in ihrer Kultur verankern und durch Maßnahmen stärken, schaffen nicht nur ein Umfeld, in dem Innovation gedeiht. Sie fördern auch die persönliche Entwicklung ihrer Mitarbeitenden, die sich in einem solchen Umfeld authentisch einbringen können. Mut, wenn er in Weisheit, Gerechtigkeit und Maß verankert ist, wird zur Grundlage für eine zukunftsfähige Unternehmenskultur und trägt dazu bei, dass Organisationen Herausforderungen meistern und sich nachhaltig weiterentwickeln.

5 Kommentare zu „Mut als Kardinaltugend: Warum Unternehmen ihn heute mehr denn je brauchen

  1. Avatar von Bernd Bickert

    Ein mutiger Beitrag, Daniel. Denn wie mir eine Führungskraft kürzlich berichtete, wollte sie im ersten Teammeeting nach ihrem Urlaub einen neuen ungewöhnlichen Ansatz ausprobieren – das heisst: Anstatt wie üblich zuerst die aktuellen Infos und Zahlen von ihrem Team zu erfragen, wollte sie stattdessen erstmal jeden Einzelnen als Mensch ansprechen. Also eine ganz andere Vorgehensweise als die, die jeder von ihr gewohnt war. Nach einer herzlichen Begrüssung lautete ihre Frage an den ersten Kollegen in der Runde: „Bevor Du mit Deinem Bericht beginnst, würde ich gern wissen, wie gehts Dir?“ Reaktion des Kollegen: irritiert. sprachlos. sichtlich unwohl und überrascht begann er dann lieber sofort aus der gewohnten Routine heraus aus seinem Bericht vorzulesen. Daraufhin sie: „Danach hab ich nicht gefragt – es interessiert mich, wie es Dir geht.“

    Der Mut, den man selbst gefasst hat, wird von anderen nicht immer unmittelbar als Erkenntnis gewürdigt, um eingefahrene Muster zu hinterfragen, oder selbst mutig zu sein, sondern kann wie hier augenblicklich Irritation, Angst und Ablehnung hervorrufen. Ausser Weisheit, Gerechtigkeit und Maß braucht es demnach ebenso immer auch die psychologische Sicherheit, dass jeder sich menschlich und offen in der Runde zeigen mag – mit dem Vertrauen, dass ihm das nicht schadet. Denn wäre das so, wäre ein Rückzug in die Höhle gleichbedeutend mit einem Schutzraum.

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    1. Avatar von Daniel Hetzer

      BERND BICKERT vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

      Veränderungen können Irritationen und manchmal auch Ängste auslösen. Gerade deshalb braucht es die Weisheit der Führungskraft dies zu akzeptieren und auch zu respektieren, dass Menschen sich nicht sofort öffnen und nicht, gerade wenn sie es so nie getan haben, in einem Meeting frei von der Leber weg über ihr persönliches Befinden sprechen.

      Das rechte Maß gilt es zu finden, um eine gute Balance von Push und Pull zu finden: Wie viel fordere ich aktiv ein, so wie die Führungskraft in deinem Beispiel, die dem Mitarbeiter entgegnet: „Danach habe ich nicht gefragt“, und wie viel Raum lasse ich, dass sich Dinge selbständig entwickeln und ich als Führungskraft Impulse setze.

      Dabei spielt dann auch die Gerechtigkeit eine Rolle: Was ist meine Erwartung an die Mitarbeitenden, erwarte ich von allen die gleiche Offenheit? Manch einer mag die Frage nach dem Wohlbefinden in der Gruppe auch als „Seelenstriptease“ empfinden und fühlt sich dadurch in die Enge gedrängt.

      Ich wünsche der Führungskraft aus deinem Beispiel jedenfalls viel Mut, an dem wichtigen Thema Psychologische Sicherheit dranzubleiben.

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