Katalytischer Führungsstil: Innovation ermöglichen

Seit fast 30 Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, was Führung wirksam werden lässt. Wenn wir über Innovationsstärke von Unternehmen sprechen, gibt es einen Führungsstil, der diese bewusst fördert: Der katalytische Führungsstil.

Das Konzept „Catalyst Leadership” stammt aus dem Leadership-Entwicklungsmodell von Bill Joiner und Steven Josephs, das sie 2007 in ihrem Buch „Leadership Agility” veröffentlicht haben. 

In einer Zeit rasanter technologischer Veränderungen (wer weiß schon, was der nächste KI-Trend sein wird), komplexer Märkte (US-Zölle, deutsche Stagnation, chinesische Wettbewerber)und steigender Unsicherheit (heute Venezuela und morgen Grönland?) stoßen vor allem hierarchische Führungsmodelle endgültig an ihre Grenzen. Unternehmen, die langfristig innovativ und anpassungsfähig bleiben wollen, benötigen Führungskräfte, die kein Mikromanagement betreiben, sondern Ermöglicher werden. Genau hier setzt der katalytische Führungsstil an.

Der katalytische Führungsstil versteht Führung nicht als Anweisung und Kontrolle, sondern als Auslösen, Beschleunigen und Begleiten von Entwicklungs- und Innovationsprozessen – ähnlich der Rolle eines Katalysators in der Chemie: Er ermöglicht Reaktionen, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen.

Somit schafft katalytische Führung den Rahmen, damit die Kreativität jedes Einzelnen im Team wirksam werden kann und am Ende echte Innovationen entstehen, die den Markterfolg des Unternehmens sichern.

Was ist katalytische Führung?

Katalytische Führung zielt darauf ab, Potenziale freizusetzen, statt Ergebnisse detailliert vorzugeben. Führungskräfte schaffen Rahmenbedingungen, in denen Mitarbeitende selbstständig denken, handeln und Neues entwickeln können. Der Fokus liegt auf Vertrauen, Dialog, Sinnvermittlung und dem bewussten Umgang mit Dynamik und Unsicherheit.

Dabei geht es nicht um Führungslosigkeit, sondern um eine bewusst gestaltete Zurückhaltung: Die Führungskraft greift dort ein, wo sie Wirkung entfalten kann – und hält sich zurück, wo Selbstorganisation stärker ist.

Zentrale Elemente des katalytischen Führungsstils

1. Sinn und Vision statt Detailsteuerung

Katalytische Führungskräfte formulieren eine starke Vision und etablieren eine ausgeprägte Wir-Kultur und verzichten auf detailbesessenes Mikromanagement. Mitarbeitende wissen, wohin sie arbeiten sollen, aber nicht im Detail, wie.

Praxisbeispiel:
Ein mittelständisches Industrieunternehmen definiert strategische Innovationsfelder (z. B. Nachhaltigkeit und Digitalisierung), überlässt interdisziplinären Teams jedoch die konkrete Ausgestaltung. Entscheidungen über Prototypen und erste Markttests werden dezentral getroffen.

Wirkung auf Innovation:
Autonomie innerhalb klarer Leitplanken führt zu mehr Eigeninitiative, kürzeren Entwicklungszyklen und einer höheren Umsetzungsquote von Ideen.

2. Vertrauen als Führungsprinzip

Entscheidungen werden möglichst nah an der operativen Realität getroffen. Fehler gelten nicht als Versagen, sondern als notwendiger Bestandteil von Lern- und Innovationsprozessen.

Praxisbeispiel:
In einem Dienstleistungsunternehmen werden regelmäßige Lern-Reviews eingeführt, in denen nicht Ergebnisse, sondern Erkenntnisse im Mittelpunkt stehen. Führungskräfte teilen bewusst eigene Fehlentscheidungen.

Wirkung auf Innovation:
Psychologische Sicherheit erhöht die Bereitschaft zu Experimenten – eine Grundvoraussetzung für nachhaltige Innovation.

3. Förderung von Dialog und Vernetzung

Katalytische Führung setzt auf Austausch über Abteilungs- und Hierarchiegrenzen hinweg. Führungskräfte agieren als Moderatoren, Vernetzer und Fragesteller.

Praxisbeispiel:
In einem Softwareunternehmen wechseln Team Leads bewusst von der Rolle des „Entscheiders“ zur Rolle des Sparringspartners. Technische Lösungen werden nicht vorgegeben, sondern im Team entwickelt.

Wirkung auf Innovation:
Vielfältige Perspektiven und offene Diskussionen führen zu qualitativ besseren Lösungen und höherer Identifikation mit dem Produkt.

4. Entwicklung statt Bewertung

Der Fokus liegt auf Lernen, Kompetenzaufbau und persönlicher Entwicklung. Feedback dient der Weiterentwicklung, nicht der Kontrolle oder Sanktionierung.

Praxisbeispiel:
Ein Konzern etabliert zeitlich begrenzte Innovationsräume, in denen Teams unabhängig von klassischen Bewertungs- und Genehmigungsprozessen arbeiten dürfen. Führungskräfte übernehmen die Rolle von Übersetzern zwischen Organisation und Team.

Wirkung auf Innovation:
Innovationen entstehen, ohne das bestehende System sofort radikal zu verändern – ein entscheidender Vorteil in großen Organisationen.

5. Umgang mit Komplexität und Unsicherheit

Katalytische Führung akzeptiert, dass nicht alles planbar ist. Statt langfristiger Detailpläne werden iterative Vorgehensweisen, Experimente und schnelle Anpassungen bevorzugt.

Wirkung auf Innovation:
Unternehmen reagieren schneller auf Marktveränderungen und entwickeln Lösungen, die näher an realen Kundenbedürfnissen liegen.

Vorteile des katalytischen Führungsstils

  • Stärkung der Innovationskraft durch mehr Eigeninitiative und Kreativität
  • Höhere Mitarbeitendenmotivation durch Sinn, Vertrauen und Beteiligung
  • Schnellere Anpassungsfähigkeit in dynamischen Märkten
  • Nachhaltige Kompetenzentwicklung in Teams
  • Förderung einer lernenden Organisation

Gerade wissensintensive, technologiegetriebene oder kreative Unternehmen profitieren stark von diesem Führungsansatz.

Nachteile und Herausforderungen

So wirkungsvoll der katalytische Führungsstil ist – er ist kein Allheilmittel.

1. Hohe Anforderungen an Führungskräfte

Katalytische Führung erfordert Selbstreflexion, emotionale Intelligenz und die Fähigkeit, Macht bewusst abzugeben. Nicht jede Führungskraft ist darauf vorbereitet oder dazu bereit.

2. Gefahr von Orientierungslosigkeit

Fehlen klare Ziele oder Werte, kann zu viel Freiheit zu Unsicherheit, Entscheidungsverzögerungen oder ineffizienten Diskussionen führen.

3. Nicht für jede Situation geeignet

In Krisen, bei sicherheitskritischen Themen oder stark regulierten Prozessen kann ein stärker direktiver Führungsstil notwendig sein.

4. Unterschiedliche Reifegrade im Team

Nicht alle Mitarbeitenden möchten oder können sofort selbstorganisiert arbeiten. Ohne gezielte Unterstützung kann Überforderung entstehen. Hier braucht es Schulung und Training bzw. Coaching.

Fazit: Katalytische Führung als Innovationshebel mit Verantwortung

Der katalytische Führungsstil ist besonders dort wirksam, wo Innovation, Lernen und Anpassungsfähigkeit entscheidend für den Unternehmenserfolg sind. Er verwandelt Führungskräfte von Entscheidern zu Ermöglichern und macht Organisationen beweglicher und kreativer.

Gleichzeitig verlangt dieser Führungsstil Klarheit, Haltung und Mut – sowohl von Führungskräften als auch von Organisationen. Richtig eingesetzt, kann katalytische Führung zu einem zentralen Hebel werden, um Innovationsstärke nachhaltig zu entwickeln. Falsch oder halbherzig umgesetzt, birgt sie jedoch das Risiko von Unklarheit und Ineffizienz.

Für Unternehmen bedeutet das: Nicht weniger Führung – sondern eine andere Art von Führung.

Praxis-Take-away für Führungskräfte

  • Klären Sie Sinn und Richtung, nicht jeden Schritt
  • Stellen Sie Fragen statt Antworten zu geben
  • Schaffen Sie psychologische Sicherheit
  • Delegieren Sie echte Entscheidungsspielräume
  • Reflektieren Sie regelmäßig: Wo bremse ich – und wo beschleunige ich?

Katalytische Führung beginnt nicht mit neuen Methoden, sondern mit einer bewussten Haltung zur eigenen Rolle.

Unsere Erfahrung – Dein Vorteil.

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2 Kommentare zu „Katalytischer Führungsstil: Innovation ermöglichen

  1. Avatar von Bernd Bickert

    Hallo Daniel, Dein Artikel trifft einen wunden Punkt – genau deshalb ist der Gedanke „Als Führungskraft mache ich dann ja nichts mehr“ so verbreitet.

    Ich kenne wie Du keine Firma oder Führungskraft, die ernsthaft glaubt, Führung bedeute Nichtstun.

    Der eigentliche Widerspruch liegt derzeit offensichtlich darin, dass die zunehmende Überlastung und die Flut an Sachbearbeiteraufgaben genau den Raum nimmt, wo katalytische Führung wirken könnte. Wer hat nicht schonmal seinem Team sagen müssen „Ihr seht ja, was hier los ist – es brennt – ich hab grad keine Zeit für Euch.“

    Chapeau, wer es da hinbekommt, bewusst nicht alles selbst zu lösen – Energie dorthin zu lenken, wo sie Wirkung entfaltet und Führung wieder als eigene Aufgabe ernst zu nehmen, anstatt als „Restposten“ nach Sachbearbeiteraufgaben.

    Die eigentliche Frage lautet folglich: „Nehme ich mir bewusst Zeit für meine Führungsarbeit?“

    – – – 

    Hamburg, 09.01.2026

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    1. Avatar von Daniel Hetzer

      Danke für deinen wichtigen Hinweis: Führung braucht Zeit!

      Die wichtigste Aufgabe einer Führungskraft ist – auch wenn es banal klingt – Führung.

      Doch wie schaut die Realität aus?

      Im Schnitt stehen 10-30% der Arbeitszeit für Führungsaufgaben zur Verfügung. Also für die Führung von sich selbst, der einzelnen Mitarbeitenden, dem Team und der Organisationseinheit, für die ich verantwortlich bin.

      Doch wer Champions League will braucht einen fähigen Trainer und keinen Spielertrainer. Vincent Kompany stellt sich ja schließlich auch nicht selbst auf. Der Trainer/die Führungskraft sollte die Voraussetzungen schaffen, damit das Team am Ende den Pokal gewinnt.

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