Führungskräfte müssen täglich Entscheidungen treffen – oft unter Unsicherheit, Zeitdruck oder komplexen Bedingungen. Gerade in Krisensituationen haben Menschen aber oft Angst, falsche Entscheidungen zu treffen. Als Führungskräftecoach merke ich in den letzten Monaten durch die Zunahme von Anfragen, dass die Herausforderung, gute Entscheidungen zu treffen, für Führungskräfte zunehmend größer wird.
Angst vor einer falschen Entscheidung ist völlig normal – besonders, wenn viel auf dem Spiel steht. Doch oft führt diese Angst zu Entscheidungsblockaden oder übermäßigem Zögern. Hier sind einige Strategien, um mit dieser Unsicherheit umzugehen:
1. Perspektivwechsel: Die Angst relativieren
- Frage dich: Was ist das schlimmste Szenario?
Oft ist es weniger dramatisch, als es sich im Moment anfühlt. Kannst du es im Notfall korrigieren? - Wie würde ich einem Freund raten?
Würdest du ihm sagen, er soll sich ewig quälen – oder ihm Mut machen, eine fundierte Entscheidung zu treffen? - 10/10/10-Regel nutzen
Wie werde ich über diese Entscheidung in 10 Minuten, 10 Monaten, 10 Jahren denken? – Das hilft, die Langzeitperspektive einzunehmen.
2. Perfektionismus loslassen
- Es gibt selten die „perfekte“ Entscheidung. Oft gibt es mehrere gute Optionen, und jede hat Vor- und Nachteile.
- Setze dir einen klaren Entscheidungszeitpunkt. Sonst kannst du ewig abwägen und kommst nicht voran.
- Fokussiere dich auf Fortschritt, nicht auf Perfektion. Kleine Fehler gehören zum Lernen dazu.
3. Strukturiert vorgehen
- Kriterien festlegen: Was sind die wichtigsten Faktoren für eine gute Entscheidung? (Kosten, Risiko, persönliche Werte etc.)
- Pros & Cons-Liste: Einfach, aber effektiv, um Klarheit zu gewinnen.
- Szenario-Analyse: Was passiert im besten, wahrscheinlichsten und schlimmsten Fall?
4. Verantwortung nicht alleine tragen
- Hole dir Feedback ein: Andere Perspektiven helfen, blinde Flecken zu vermeiden.
- Nutze einen „Entscheidungsbuddy“: Sprich mit einer Person deines Vertrauens über die Optionen.
- Delegiere, wenn möglich: Musst wirklich du die Entscheidung alleine treffen?
5. Akzeptieren, dass Unsicherheit normal ist
- Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben – sondern zu handeln, trotz der Angst.
- Manche Fehler sind wertvolle Lektionen. Selbst wenn eine Entscheidung nicht perfekt war, kannst du daraus lernen.
- Vertraue auf deine Fähigkeit zur Anpassung. Selbst wenn etwas nicht optimal läuft, kannst du Kurskorrekturen vornehmen.
Ängste führen aber nicht nur zu Blockaden, sondern verengen unseren Blick – der berühmte Tunnelblick stellt sich ein. Dies führt sehr schnell zu kognitiven Verzerrungen, den sogenannten Biases.
Es gibt eine Vielzahl kognitiver Verzerrungen (Biases), die unsere Entscheidungsfindung beeinflussen können. Hier sind einige der wichtigsten:
1. Wahrnehmungsverzerrungen
- Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Die Tendenz, Informationen zu bevorzugen, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen, und widersprechende Informationen zu ignorieren.
- Verfügbarkeitsheuristik (Availability Heuristic): Urteile werden von leicht verfügbaren Informationen oder kürzlich Erlebtem beeinflusst.
- Ankerheuristik (Anchoring Bias): Die erste erhaltene Information (z. B. eine Zahl) dient als Anker für nachfolgende Entscheidungen.
2. Bewertungsverzerrungen
- Overconfidence Bias: Menschen überschätzen oft ihre eigenen Fähigkeiten oder das Wissen, das sie haben.
- Optimism Bias: Die Neigung, die Wahrscheinlichkeit positiver Ereignisse zu überschätzen und negative Ereignisse zu unterschätzen.
- Loss Aversion (Verlustaversion): Verluste werden stärker gewichtet als gleich große Gewinne, was zu risikoscheuem Verhalten führt.
3. Soziale Verzerrungen
- Gruppendenken (Groupthink): Gruppenmitglieder neigen dazu, sich der Mehrheitsmeinung anzupassen, selbst wenn sie Zweifel haben.
- Autoritätsbias (Authority Bias): Eine übermäßige Neigung, Autoritätspersonen oder Experten zu vertrauen, auch wenn ihre Meinung fehlerhaft ist.
- Ähnlichkeitsbias (Similarity Bias): Die Bevorzugung von Menschen, die uns ähneln.
4. Entscheidungsheuristiken
- Status-quo-Bias: Die Tendenz, den aktuellen Zustand beizubehalten, anstatt Veränderungen zu bevorzugen.
- Sunk Cost Fallacy (Versunkene Kosten Fehlschluss): Investitionen in Zeit, Geld oder Aufwand werden verteidigt, selbst wenn es rationaler wäre, sich davon zu lösen.
- Regret Aversion (Reuevermeidung): Entscheidungen werden so getroffen, dass potenzielle zukünftige Reue minimiert wird.
Diese Biases beeinflussen oft unbewusst unsere Entscheidungen. Sie zu erkennen hilft, fundiertere und rationalere Entscheidungen zu treffen.
Doch wie kommt man nun unter Druck zu guten Entscheidungen?
Hier sind einige Tipps, um bessere und bewusstere Entscheidungen zu treffen:
1. Kognitive Verzerrungen minimieren
- Bewusstsein für Biases schaffen: Führungskräfte sollten sich der häufigsten Denkfehler bewusst sein (z. B. Bestätigungsfehler, Verlustaversion).
- Perspektivwechsel nutzen: Sich bewusst fragen: „Was würde ich raten, wenn ich nicht direkt betroffen wäre?“ oder „Wie würde eine außenstehende Person entscheiden?“
- Daten statt Bauchgefühl priorisieren: Intuition ist wichtig, aber sollte durch fundierte Daten und Analysen ergänzt werden.
2. Strukturierte Entscheidungsprozesse anwenden
- Kriterien festlegen: Vor der Entscheidungsfindung klare Bewertungskriterien definieren, um Subjektivität zu reduzieren.
- Die 10/10/10-Regel anwenden: Sich fragen: Wie werde ich in 10 Minuten, 10 Monaten und 10 Jahren über diese Entscheidung denken?
- Szenario-Analyse nutzen: Mehrere Alternativen durchspielen und Worst-Case-Szenarien mit einbeziehen.
3. Team & Perspektiven einbeziehen
- Diverse Meinungen zulassen: Verschiedene Sichtweisen fördern, um Gruppendenken zu vermeiden.
- Widerspruch einfordern: Ein „Devil’s Advocate“ kann helfen, blinde Flecken in der Argumentation zu erkennen.
- Entscheidungen transparent kommunizieren: Klare Begründungen helfen, Akzeptanz im Team zu stärken.
4. Effektiv mit Unsicherheit umgehen
- Nicht auf Perfektion warten: Entscheidungen sollten nicht unnötig hinausgezögert werden, nur weil nicht alle Informationen vorliegen.
- Iteratives Vorgehen bevorzugen: Kleine, testbare Schritte (z. B. Pilotprojekte) sind oft besser als große, riskante Sprünge.
- Plan B bereithalten: Alternative Strategien helfen, flexibel auf unerwartete Entwicklungen zu reagieren.
5. Reflexion und Lernen aus Entscheidungen
- Entscheidungen rückblickend bewerten: Was hat funktioniert, was nicht? Welche Biases haben eine Rolle gespielt?
- Fehlentscheidungen akzeptieren: Keine Angst vor Fehlern – sie bieten eine Chance zur Weiterentwicklung.
- Feedback aktiv einholen: Offene Rückmeldungen aus dem Team helfen, blinde Flecken zu identifizieren.
Wenn Sie Interesse an einem Austausch zum Thema „Entscheidungen treffen“ haben, melden Sie sich gerne bei mir: hetzer@kybos-training.de
Wie Entscheidungen in der Krise kommuniziert werden, damit beschäftigt sich dieser Beitrag: Krisenkommunikation und Krisenbewältigung.
